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Kuba-Ausstellung, 18. 9. 2014, Klagenfurt, Galerie Haaaauch

Herbert Nichols-Schweiger

Binsenweisheit: Jedes Land, jedes Volk, jede Bevölkerung kann auf eine je eigene Entwicklung und auch auf ein eigenes Schicksal verweisen. Es gibt viele Gründe für diese Differenzierung.

Die Ausstellung FRONTERAS EN CUESTIÓN / Hinterfragte Grenze ist eine gute Gelegenheit, einige Überlegungen anzustellen, die über das hinausgehen, was wir in den Videos und auf den Fotografien zunächst einmal sehen - am Ende vielleicht nur zu sehen glauben. Es ist allerdings auszuschließen, dass hier nichts über Kuba zu sehen wäre.

Erschlossen wurde es von Künstlerinnen und Künstlern dieses Landes. Und wir können im Subtext dieser mehr oder weniger bewegten Bilder auch einiges über Einstellungen dieser Menschen erkennen und – schließlich auch - über Entwicklung und Zustand dieses Inselstaats. Das meiste ist sehr konkret.

Aber nicht immer eröffnet sich das Umfeld eindeutig, was schon auch ein Auftrag an uns Betrachter ist.

Insofern ist das folgende keine Abschweifung:

„Literatur“, so meint auch der armenische Schriftsteller Varujan Vosganian, „verfügt über eine überzeugendere Kraft als Geschichtsschreibung“. Und er fährt fort: „Franz Werfel hat mit seinem Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh mehr für die armenische Sache getan als alle diplomatischen Unterredungen.“ Man wird in der bildenden Kunst Vergleichbares u. a. über die Wirkung von Picassos Guernica für den Pazifismus annehmen dürfen und in der lateinamerikanischen Kunst ähnliche Belegstellen finden.

Aber Vosganian geht noch einen Schritt weiter. Er liest in Geschichtsbüchern vor allem von Siegern, während Literatur, vielleicht dürfen wir diesen Aspekt auf andere Kunstsparten ausdehnen, also überhaupt auf Kunst (ich zitiere) „von den Besiegten, den einfachen Menschen erzählt, jenen, die Geschichte nicht erlebt, sondern erlitten haben“. 

Es ist für jeden offensichtlich: Armenien ist nicht Kuba, das armenische Volk ist nicht mit dem von Kuba zu vergleichen. Aber wir wissen, dass in beiden Ländern Ereignisse vor sich gingen, die weit über das hinausgehen, was über sehr viele andere Länder unseres Erdballs zu sagen ist. Und der armenische Schriftsteller Vosganian zielt ja auf die unterschiedliche Auskunftsfähigkeit und Rezeptions-möglichkeiten von Wissenschaft und Kunst ab.

Das ist in Zeiten der Annäherung dieser beiden Disziplinen, genauer gesagt der zunehmenden Einbindung von Wissenschaft in künstlerische Prozesse, wenn nicht dramatisch so doch pikant.

Klar ist, dass Grethell Rasúa, Celia y Yunior, Humberto Diaz, Javier Castro und ihre aus finanziellen Gründen leider nicht nach Österreich gekommenen KollegInnen von Gegenwart und Geschichte ihres Landes beeinflusst sind. In ihrem Heimatstaat befinden oder fühlen sich viele Menschen in einer Freiheitsbewegung - und zwar als Revolutionäre.

Etwas salopp sage ich:

Revolutionen sind seit einiger Zeit in vielen Weltgegenden wieder in Mode. Doch der Freiheitskampf des 21. Jhts. kennt einen neuen Typ des Aufrührers – im Gegensatz zu romantisch  verklärten Partisanen oder Guerilleros wie Fidel Castro oder Che Guevara.

Vor ziemlich genau drei Jahren trafen sich (ausgerechnet!) im Potsdamer Park Sanssouci Revolutionäre aus vielen Windrichtungen. Dort wurde jedoch ein neuer Typus entdeckt, der mit seinen historischen Vor-Bildern der vergangenen drei Jahrhunderte nur mehr wenig gemeinsam hat. Ein Beobachter für die Süddeutsche Zeitung resümierte diese Transformation so: „Ohne den ideologischen Furor des letzten Jahrhunderts und ohne den falschen Glamour  des bewaffneten Widerstandes ist der Freiheitskämpfer des 21. Jahrhunderts ein kluger Mensch mit dem kosmopolitischen Weltbild eines Großstadtintellektuellen und dem Organisationstalent eines Internetunternehmers. Hin und wieder ist er sogar beides.“ (Zitat Ende)

Der folgende Nachsatz führt uns endgültig zurück in die Galerie Haaaauch. Ich zitiere: „Vor allem aber verfügt dieser Freiheitskämpfer über die fast schon spirituelle Geduld des zivilen Widerstands, die sich die gefährliche Euphorie und oft so tödliche Katharsis des bewaffneten Kampfes versagt.“ – Ich hoffe, damit unseren kubanischen Gästen nicht zu nahe getreten zu sein.

Jedenfalls erreichen wir damit eine weitere Grenzüberschreitung, die Kunst sich leisten kann: So wie sie imstande ist, über die – keineswegs klein zu redende - Geschichtsschreibung hinaus historischer Kenntnis mehr Authentizität zu bieten, so führt sie den sogen. Neuen oder eben Sozialen Medien Inhalte und Motivationskraft zu.

Wir dürfen also annehmen, dass künstlerische Manifestationen nicht für alle, vielleicht nicht einmal für viele, aber eben ausreichend Potential für ein Bewusstsein entstehen lassen, dass alle Botschaften über Twitter, Facebook, Hangout usw. usf. nicht in ihren Verkürzungen verenden müssen.

Diese Hoffnung verdanken wir heute zuallererst den Kunstwerken aus Kuba und ihren UrheberInnen.

Die Steirische Gesellschaft für Kulturpolitik dankt außerdem Heiderose Hildebrand für ihre Recherche vor Ort, für Ihre Fähigkeiten, dort mit Grethell Rasúa kubanische Künstlerinnen und Künstler für diese Ausstellungen in Österreich zu verführen und hier entsprechende Partner zu finden. Zum Beispiel Peter Wildbacher von der Galerie Artepari, Franz Konrad und Markus Wait(schacher), ohne die eine Realisierung in Graz und Klagenfurt kaum Chancen gehabt hätte.

Herbert Nichols-Schweiger