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Marginalie*

Alfred Kolleritsch

Wer die Grazer Verhältnisse nicht kennt, wird nicht wissen, dass der Steirische Herbst, das FORUM STADTPARK, das Literatursymposion, die manuskripte, die Fotozeitschrift Camera Austria keine Selbstverständlichkeiten sind, sozusagen das, was der Kulturbetrieb braucht. Wer das behauptet, der redet Klischees und hat sich um die Sache nie gekümmert. Wir sind zutiefst davon überzeugt, dass die genannten Aktivitäten - und manches andere in Österreich natürlich - der einzige Widerstand gegen die beabsichtigten Nivellierungen sind, die die ökologische Krise zum Vorwand nehmen, längst nur halbherzig Gefördertes und oft mit ganzem Herzen Verurteiltes zu opfern. Man liebt es, sich in zunehmendem Maße darauf zu berufen, dass die Kulturgelder nur für die Minderheiten ausgegeben würden und pervertiert diesen Begriff, mit dem sonst so gerne Demokratie demonstriert wird. Die Meister dieser Strategien sitzen vor allem in den Massenmedien.

Wenn die wenigen Aktivitäten für zeitgenössische Kunst, die die privat betriebene Selbstrettung der Künstler übersteigen, unter das jetzige Budgetniveau gekürzt werden, wird der Zustand eintreten, den das herabgekommene Kulturbewusstsein verdient. Übrig bleiben werden jene Stätten, die man wegen der Arbeitsplatzsicherungen, wegen des Fremdenverkehrs und sicherlich auch wegen ihrer historischen Bedeutung ausnehmen wird. (Wie schnell hat, von der Exekutive lustbetont unterstützt, vor wenigen Tagen in Graz die Staatsanwaltschaft Achternbuschs Film beschlagnahmt und damit demonstriert, welchen rechten Kräften man in diesem Land die Rechte zubilligt - perverser weise jenen, die als schwarze und braune Rechte schon zweimal die Demokratie zerstört haben.) Jenen, die seit Jahren unbezahlt und freiwillig einer anderen Hoffnung die Arbeitskraft zur Verfügung gestellt haben, wird der Boden entzogen werden.

Nur eine entschlossenere Unterstützung, die mehr ist als das Gnadenbrot der Förderung, könnte die Stagnation oder den Zusammenbruch jener kulturellen Leistungen aufhalten, die trotz massiven gesellschaftlichen Widerstandes und selbstgefälliger Ignoranz die möglichen Ansätze für eine bessere österreichische Tradition geschaffen haben.

Wir schauen mit Sorge ins neue Jahr, und es ist niemand da, der die Ungewissheit wegnimmt. Sparen kann auch heißen, dass man Verluste einhandelt, solche, die durch keine Konjunktur wieder gutgemacht werden können. Wer würde sich in Österreich hinter den Satz des französischen Kulturministers Jack Lang stellen und im Parlament sagen: "Die Kultur wird nicht auf dem Altar der budgetären Sparmaßnahmen geopfert."? - aber auch das wäre nur sinnvoll wenn der Staat oder die Parteien daraus nicht für sich Selbstverherrlichungen ableiten.

 

 

* abgedruckt in manuskripte. Zeitschrift für Literatur und Kunst 82/'83

Alfred Kolleritsch

geb. 1931 in Brunnsee/Steiermark, Studium der Geschichte, Germanistik und Philosophie an der Universiät Graz. Ab 1958 zunächst in Leibnitz, dann in Graz als Mittelschullehrer tätig. 1972 - 75 Lehraufträge an der Universität Graz. Gründungsmitglied und seit 1968 Präsident des Grazer FORUM STADTPARK. Mitbegründer und Herausgeber der Literaturzeitschrift "manuskripte", Gründungsmitglied und bis 1983 einer der Vizepräsidenten der Grazer Autorenversammlung, 1987 Austritt aus der Vereinigung. Literarisch tätig seit 1948, Veröffentlichungen seit 1958. Lebt in Graz/Steiermark.