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Betrifft: Fotografie, Betroffen: Graz
Branko Lenart

Es war einmal in Graz

Einst galt diese Stadt nicht nur als "heimliche Hauptstadt" der Literatur, sondern auch - Mitte der 70er bis Anfang der 90er Jahre - der Fotografie. Dazu beigetragen haben u.a. Institutionen wie das Kulturhaus und insbesondere das Forum Stadtpark mit der Fotogalerie, den Fotosymposien und Fotoworkshops. Es war eine Schnittstelle zwischen internationalen Fotokünstlern und der heimischen Fotoszene (ausgehend von Erich Kees und der TVN-Fotogruppe), die in ihren Ansprüchen durchaus an das internationale Niveau aufschließen konnte. Nunmehr gibt es seit Jahren ein neues, vorbildlich ausgebautes Forum Stadtpark, jedoch keinen Ort für Fotografie. Die Autoren haben sich auf private Aktivitäten in der Fotografie zurückgezogen, das Kollektive existiert nur mehr als Erinnerung.


Concerning Photography - Concerned Photography

Während all der Jahre - seit 1979 - gab es jedoch eine Institution, die sich der hierzulande zuletzt wenig beachteten und geschätzten klassischen Fotografie an weniger prominenten Ausstellungsorten konsequent angenommen hat: die Gesellschaft für (Foto-)Kulturpolitik mit 25 von ihr organisierten bzw. von ihr übernommenen Fotoausstellungen. Darunter waren Autoren, die innerhalb der Geschichte der Fotografie des 20. Jahrhunderts zu den bedeutendsten zu zählen sind: Es sind Namen wie Tina Modotti, Weegee, John Heartfield, Robert Capa, Dorothea Lange, Lewis Hine, Arthur Rothstein und John Vachon. Deren Arbeiten waren nicht im Rampenlicht der renommierten Galerien und Museen zu sehen, sondern meistens an einem etwas abseits gelegenen Ort der rechten Murseite, im Orpheum. Die Notiz, die die Grazer Medien und somit auch die kunstinteressierte Öffentlichkeit davon nahmen, war entsprechend gering. Und doch waren das in Graz, meiner Meinung nach, die einzigen wichtigen Ausstellungen auf dem Gebiet der sozialdokumentarischen Fotografie, die einen wesentlichen Bereich der klassischen amerikanischen Fotografie darstellt.

Ich bin der Überzeugung, dass die Bedeutung von solchen historischen bzw. didaktischen Ausstellungen - als unverzichtbare Ergänzung zu der in Graz seit Jahren favorisierten zeitgenössischen Fotokunst - nicht hoch genug zu schätzen ist. Graz hat seit Jahren ein wachsendes Publikum für Fotografie und nicht zuletzt auch ein großes Potenzial an Schülern und Studenten, die an Fotokunst interessiert sind. Ich finde es eine bedauernswerte und unzulässige Einschränkung, wenn das Programm der wenigen verbliebenen Institutionen, die in Graz Fotografie von internationalem Niveau ausstellen, auf neueste Fotokunst reduziert wird. Diese Überzeugung teile ich als Rezipient, Kunstpädagoge und freischaffender Fotograf mit einem Großteil des an der Fotografie interessierten Grazer Publikums. Als ein Beweis dafür möge die unglaublich hohe Besucherzahlvon Inge Moraths Ausstellung "Grenz.Räume" im Künstlerhaus innerhalb der ersten drei Wochen dienen: 10.000. Das Spektrum der Fotografie des 20. Jahrhunderts ist von einer immensen Vielschichtigkeit und Divergenz. Dies nicht wahrhaben zu wollen, wäre ein Zeichen von Ignoranz.


Branko Lenart

lehrt Fotografie an der HTBLA für Kunst+Design in Graz Ortweingasse. Obmann des Artikel-VII-Kulturvereins. Lebt als freischaffender Fotograf in Graz und Piran.