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Kollektive...
Christian Fleck

1. Kollektive, die auf ein Vierteljahrhundert eigener Geschichte zurückblicken können, fühlen sich veranlasst, derartige runde Anlässe für Bilanzen zu nutzen. Womit sie sich in markantem Gegensatz zu Individuen befinden, die in diesem (zarten, jugendlichen, postadoleszenten oder wie immer auch sonst verniedlichten) Alter noch nicht zu Rückblicken neigen, obwohl deren Lebensende nach oben hin jedenfalls beschränkt ist, was man von Kollektiven nicht sagen kann, die sich allerdings trotz gleichbleibender Namen oft weitaus mehr wenden und ändern als das über die opportunistischste Person gesagt werden könnte.

2. Das letzte Viertel des von Eric Hobsbawn „Jahrhundert der Extreme" genannten 20. Jahrhunderts war zumindest in Europa ein durchaus friedliches, sodass in diesem Zeitraum allzu leicht vergessen hätte werden können, dass es nichts von Menschenhand gefertigtes gibt, das das Attribut „unverrückbar" verdient oder in Anspruch nehmen kann. Manche Aktivitäten der Steirischen Gesellschaft für Kulturpolitik haben deutlich gemacht, dass „unverrückbar" nichts ist: Weder zum „Guten" und schon gar nicht zum „Bösen" hin sind die Grenzen fixiert. Was heute sicher zu sein scheint, ist morgen nicht mehr wieder zu erkennen und übermorgen schon vergessen. Das ist der Weg, den alles sozial Erfreuliche, oder noch kürzer: das „Gute", zu gehen zu haben scheint. Wer gern in Beispielen denkt, sei hier an so divergente Phänomene wie Frauenstudium (in drei Generationen von null auf halbe-halbe), Entdiskriminierung von einst pönalisierten sexuellen Präferenzen und die gesunde Watsch'n nicht nur als ubiquitäres, sondern auch legitimes Erziehungsinstrument erinnert.
Im Fall der Beseitigung des sozial Unerwünschten gedenken wir des Vergangenen noch viel weniger gern und sind zufrieden damit, dass es hinweggefegt wurde. Beispiele gefällig? Wer aus der Schar der spätgeborenen Verehrer Bruno Kreiskys erinnert sich seiner unappetitlichen Ausfälle (um eine höfliche Bezeichnung zu wählen) gegen Simon Wiesenthal? Welcher Erbe eines Ariseurs der Wurzeln seines Wohlstands? Und welche Institution ihrer, wie hieß das noch jüngst: „braunen Flecken"?
Das verdrängte „Böse" kommt, scheint es, später einmal häufiger an die Oberfläche als man den zurückgelegten Etappen des „guten" Fortschritts sinnierend Aufmerksamkeit widmet.

3. Mag sich seit 1977 in der weiten Welt - und sei es nur die europa-weite - allerhand zum Besseren geändert haben, kann man das für die österreichische und damit auch die kleinräumiger darin eingeschlossene mit Sicherheit nicht behaupten, ganz sicher nicht, wenn man sich der politischen Linken zurechnet. „Von damals an ging's bergab" wäre vielleicht dennoch ein zu starkes Bild, obwohl man für dieses mehr Beweise beibringen könnte als für die gegenteilige Behauptung.
Ich nehme nur ein Beispiel, um das kurz zu illustrieren. Linke Kulturpolitik hat sich während des ganzen 20. Jahrhunderts einem Fortschrittsoptimismus verschrieben, der verkürzt so charakterisiert werden könnte, dass, wenn erst alle von uns aufgeklärt (hier kann, wer will, alle anderen wohltönenden Schlagworte ebenso gut einsetzen) worden sein werden, dass dann dem Ausbruch der schlaraffenweltlichen Honigzeit nichts mehr im Wege steht. „Bildung für alle" und „Kultur zu denen, die von ihr bisher ferngehalten wurden" hätte im Laufe eines Vierteljahrhunderts Wirkung zeigen müssen. Doch die im emphatischen Sinn des idealistischen Bildungsbegriffs, der zumindest in der österreichischen Arbeiterbewegung früh schon Heimatrecht gefunden hatte, unternommenen Anstrengungen fruchteten nicht, was sie anstrebten. Und weil dies Streben mühsam ist, verabschiedeten sich gar viele davon zugunsten einer Beliebigkeit der kulturellen Hervorbringungen, die starre Winkehände an Autobahnrändern, Schattengebäude und Personenaufzüge neben Marienstatuen für „geil" halten. „Geil" vielleicht - man weiß ja nie, was jemanden erregt -, doch aufklärend wohl nicht.
Wäre der Gedanke, dass kulturelle Hervorbringungen welcher Art auch immer in wie immer vermittelter und notwendigerweise verdünnter Form zur Befreiung aus selbst verschuldeter Unmündigkeit (um Kants klassische Umschreibung dessen, was Aufklärung zu sein hat, zu zitieren) beitragen sollten, ein unverrückbarer, wäre zumindest mir wohler um's Herz, das bekanntlich links liegt.


Christian Fleck, ao. Univ. Prof., Institut für Soziologie der Universität Graz.
Geb. 1954, 1979 Promotion Graz, 1989 Habilitation Wien, 1993/94 Schumpeter Fellow Harvard University, Cambridge, Massachusetts, USA, 1999/2000 Fellow am Center for Scholars and Writers, The New York Public Library, New York, USA. Seit 1987 Leiter des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich (AGSÖ), Graz, 1998 - 2002 Secretary des Research Committee 08 History of Sociology der International Sociological Association (ISA), seit 1994 Herausgeber der Bibliothek sozialwissenschaftlicher Emigranten.