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Kulturpolitik in der globalen Bilderwelt
Heidemarie Uhl

In der zunehmend globalen Bilderwelt der "Zweiten Moderne" (Ulrich Beck), in der Gegenwartserfahrung zunächst einmal eine medial vermittelte Erfahrung ist - man denke nur an den 11. September, ein Ereignis, das durch seine visuelle Präsenz eine Form globaler ZeitzeugInnenschaft erzeugte - ist "Kultur" zu einem Bereich des medialen Komplexes geworden, der eine entortete Teilnahme ermöglicht.

Ist daher die Frage nach einer "steirischen Kulturpolitik" nur noch eine historische? Beschränkt sie sich auf die Beschreibung des Aufbruchs aus den konservativ-reaktionären Nachkriegsjahrzehnten, in denen die Kontinuitäten zum Nationalsozialismus weiterhin wirksam waren, auf die Aktivitäten einer durch die Erfahrung von "1968" geprägten gesellschaftlichen Elite und des Durchbruchs zur "Moderne" in den 70er und 80er Jahren? Beschreibt die Kategorie des Lokalen/Regionalen nur noch jenen Prozess der Durchsetzung einer Anschlussfähigkeit an den globalen kulturellen Diskurs, die Überwindung des lokalen Rahmens?

Kann - so möchte ich die Frage formulieren - in diesem entorteten Kommunikationsraum, in dem Kultur heute rezipiert wird, noch ein Ort des Lokalen/Regionalen ausgemacht werden? Die Antwort könnte auf zwei Ebenen liegen: Erstens ist Kultur jener Bereich, in dem gesellschaftliche Werte "ausverhandelt" werden, in dem um die Definitionsmacht im Hinblick auf die hegemonialen Leitvorstellungen eines Kollektivs konkurriert wird - und zwar gerade in einem simultanen Spannungsfeld von lokalen, nationalen und transnationalen Ebenen. Dies illustriert etwa die "Wehrmachtsausstellung", die gerade aus der konkreten Konfrontation mit den Schreckensbildern des "Vernichtungskrieges" ihre "soziale Energie" bezog.

Dieses Beispiel führt zu meinem zweiten Argument: Die Kategorie der "Erfahrung" kann nicht nur auf die Ebene des Medialen beschränkt werden. "Erfahrung" kann/muss auch heißen, das Vertraute, das "Eigene" mit neuen Augen zu sehen, neue Perspektiven auf die konkrete Lebenswelt zu entwickeln. Vielleicht kann Kulturpolitik heißen: diesen Erfahrungsraum zu ermöglichen, alternative Sichtweisen zum kulturellen Mainstream, der sich als das "Normale", "Selbstverständliche" darstellt, zu eröffnen, die Konstruktionsprinzipien dieses "Normalismus" aufzuzeigen.

Aus dieser Perspektive war die "Steirische Herbst"-Installation von Hans Haacke zum Gedenkjahr 1938/88 - "Und Ihr habt doch gesiegt" - wohl die eindrucksvollste Erfahrung mit einem lokalen Kulturereignis. Die "soziale Energie", das Verstörungspotenzial, das von dieser künstlerischen Zeichensetzung ausging, bildete wochenlang eine Herausforderung für die öffentliche Kommunikaiton in der Landeshauptstadt. 1988 bildet aber auch einen Schnittpunkt zwischen den Initiativen der Steirischen Gesellschaft für Kulturpolitik und meiner eigenen Forschungsarbeit: Unterstützt wurde ein Projekt zur Rezeption des "Anschluss"-Gedenkens in den österreichischen Medien und damit österreichweit eines der ersten Vorhaben zur wissenschaftlichen Analyse des Diskurses des österreichischen Gedächtnisses.


Heidemarie Uhl , Mag. Dr.
Geb. 1956, seit 1988 an der Abteilung Zeitgeschichte der Universität Graz, seit 2001 an der Kommission für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien (Forschungsprogramm " Orte des Gedächtnisses"), als Historikerin tätig.