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gestopfte fanfare zum jubiläum der steirischen gesellschaft für kulturpolitk LEBENSERWARTUNG UND MEHR VOM LEBEN

Mathias Grilj

Wenn ich nicht irre, sind 25 Jahre in Sierra Leone die durchschnittliche Lebenserwartung. Auch bei den Jugendbanden der Bronx. Oder bei Junkies. 25 Jahre sind, im richtigen Bezug besehen, ein schönes Alter. Erinnere ich mich - der ich in der Bronx quasi Dorfältester wäre, zumal ein Kuriosum - an '77, als es losging mit der Steirischen Gesellschaft für Kulturpolitik: Leben war Lust, Zukunft auf Schritt und Tritt; Vergangenheit war, was man Vätern um die Ohren schlug. Und der Gegner klar - wer Menschen ausbeutet.

Zugleich zu viel Schlamperei und Klischee, zu viel Sprechverbot und Selbstgefälligkeit, zu wenig Selbstkritik und Risiko, zu wenig Kopf und Achtsamkeit. Karrierismen, Bürokratismen, verkommenes Taktieren, mürbe Parolen. Die starben dann schäbige Tode zwischen Blair und Srebrenica und der Wall Street. Inzwischen ist klar, dass der Gegner gewonnen hat auf allen Linien, Herzen wie Köpfe besetzt hält - und weltweit die Macht.

Von den gesammelten Programmen der Steirischen Gesellschaft für Kulturpolitik lässt sich nicht ohne Bitterkeit vermerken: An Ahnung und Wissen und Warnung kein Mangel. Mochten die Warner zeigen, was es geschlagen hatte - die Zeit zog weiter, über sie hinweg. Das Versagen liegt auch in der Praxis. Siehe oben, zweiter Absatz.
Was daneben wirkt und schwelt, dass man sich mit Dank daran erinnert: Kunst. Um die mach ich mir, Überbleibsel aus der Bronx oder von sonst wo, nicht die geringsten Sorgen.

Sonst dürfen wir, zwischen Scham und Sarkasmus, jedem 25-Jährigen Oswald Wieners Diktum bestätigen, ein junger Mensch sei jemand, der die vorgefundene Welt als ein Werk von Idioten sieht. Trotz alledem gilt aber: Weiter! Sonst bleibt nichts als jene Gegenwart, die Illusionen denunziert und Idioten zementiert, die ihre Pfründe abgesichert glauben. Die Steirische Gesellschaft für Kulturpolitik hat Zeiger und Warner zu sein und an das "siehe oben" zu erinnern. Und die anderen Leute sollten allen, die den Jungen mit Häme verheißen, ihre Desillusionierung werde schon noch kommen, eins auf die Nase geben.

Mathias Grilj

geb. 1954, Journalist in Graz. Unter dem Pseudonym Max Gad schrieb und inszenierte er Theaterstücke wie "Happy Baby", "Wir spielen nur, es tut nicht weh", "Sonne, hau ab" und "Die falsche Geschichte" (Auswahl). Veröffentlichungen in "manuskripte", "Sterz", "Lichtungen" und im ORF. Der Text GRAZSARG wurde im jüngsten Band der Reihe "Europa erzählt" abgedruckt. Literaturpreis des Landes Steiermark, ein Staats- und mehrere Landespreise für journalistische Arbeiten.