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Lob des Blumenrabattls
Peter Strasser

Beim Fußgänger, der auch regelmäßig öffentliche Verkehrsmittel benützt, beginnt sich im Laufe der Zeit das Gefühl für Kultur zu befestigen. Überall, wo im Graz der umtriebigen letzten Jahre ein Busch, Baum oder Blumenrabattl gepflanzt und gepflegt wurde, ist für mich, den Fußgänger, eine kulturelle Tat - um nicht zu sagen: Großtat - vollbracht worden. Die Millionen Euro teuren Murinseln, Kunsthausblasen, doppelten Uhrtürme und anderen kurzfristigen Hilfsmittel gegen die Langeweile der Spaßgesellschaft sind mir gleichgültig. Was ich suche, das sind Orte, an denen ich vor mich hingehen, mich unter Pflanzen bewegen und, wenn es im Sommer heiß ist, mich im Schatten ausruhen kann.

Leider gilt Begrünung in ästhetisch ambitionierten Kreisen als reaktionär, wie mir vor einiger Zeit von einem Kulturjournalisten beschieden wurde. Wohl nur so ist es zu erklären, dass ein Grazer Platz nach dem anderen in eine heiße, für die Menschen unleidliche Geh- und Stehzone ohne Grünzeug verwandelt wird, und zwar mit den immer gleichen Phrasen: Funktionalität, Struktur und Transparenz sollen zu einer zeitgemäßen Sythese - was immer das bedeuten mag - verschmolzen werden; der Ausblick auf das umliegende Althausensemble soll optimiert werden; es soll Freiraum für Events und mobile Schaustellungen geschaffen werden. Im Klartext heißt das: Isolierung des Einzelnen, Lärm, Umtriebigkeit, immer währende Auf- und Abbauaktivitäten, Staub. Ich habe keine derjenigen, die so argumentieren, jemals am zerstörten Jakominiplatz oder am ebenfalls zerstörten Hauptplatz in einem der verdreckten transparenten Wartehäuschen, wo man an heißen Tagen geröstet wird, auf die Straßenbahn oder den Bus warten sehen - falls man überhaupt daran gedacht hat, dass der Einzelne, der wartet, einen menschenwürdigen Unterstand benötigt.

Das ist kein Spaß, denn in Platzneugestaltungen wird auf rücksichtslose Weise und in Absehung davon, was die Menschen, die sich in der Stadt bewegen, wirklich brauchen, das Geld zum Fenster hinausgeschmissen. Man hat den Eindruck, das geschieht, um als Neugestalter zusammen mit anderen Neugestaltern in irgendwelchen Architekturkatalogen lobend erwähnt zu werden. Wen eigentlich störten die Standln am Hauptplatz, die ja um ihr Überleben in der einen Platzhälfte kämpfen mussten? Mich nicht, denn ich hänge wie viele andere, welche die Stadt tagaus, tagein nützen, an den Dingen, die über lange Zeit möglichst unbeschnitten heranwachsen. Nur so nämlich können lebensfreundliche, weil von der Architektenpolizei unbehelligte Orte entstehen. Aber natürlich sind solche Orte denen ein Dorn im Auge, die selbst noch die schönen alten Bäume, die am Murufer vor dem neuen Kunsthaus stehen, fällen wollen, bloß damit die Touristen einen freien Blick haben.

Als ich dem bereits erwähnten Kulturjournalisten gegenüber, der mich fragte, was ich mir für Graz als europäische Kulturhauptstadt 2003 wünsche, antwortete: "Ein riesiges Begrünungsprojekt quer durch die Stadt hindurch", da wurde mir erwidert: "Dann können sie ja gleich die FPÖ wählen!" Nicht die Grünen, die FPÖ. Mit anderen Worten: Kulturell gesehen ist die Sehnsucht nach der Stadt als Park, in dem man sich wohl fühlen kann, faschistoid: Sei's drum. Für mich war das wichtigste kulturelle Ereignis der letzten Jahre das Gedeihen einiger wildwüchsiger Grünstellen - man stelle sich das vor! - mitten in Graz. Ihren Standort verrate ich nicht, denn sonst kommt einer dieser Stadtplanungsblockwarte, macht eine Expertise und lässt alles mit Butz und Stingl ausreißen.

Postskriptum. Der unmittelbare Anlass für mein "Lob des Blumenrabattls" bedarf der ausdrücklichen Würdigung. Es handelt sich um Herbert Nichols-Schweiger, ohne den die Steirische Gesellschaft für Kulturpolitik, deren 25-jähriges Bestehen es zu feiern gilt, undenkbar wäre - zumindest in jener charakteristischen Form, in der wir sie kennen. Ich muss gestehen, dass sich während der Zeit, da ich als Beirat des Avantgardefestivals "Steirischer Herbst" (1990 - 1995) tätig war, meine Sicht der so genannten Kulturmacher erheblich verdüsterte. Kaum, dass ich einem von ihnen jene Grünstellen zeigen möchte, die ich erwähnte. Herbert Nichols hingegen, mit dem ich seit meinen Studientagen befreundet bin, stellt eine rühmliche Ausnahme dar: Ihm würde ich sie zeigen, falls er darauf Wert legt! Ich sage das frei heraus, weil ich denke, seine Position ist mittlerweile so gefestigt und seine Tätigkeit so anerkannt, dass ihm ein offen bekundeter Vertrauensbeweis dieser Art nicht schaden kann. Wenn es über die Jahre hin jemanden gab, den ich stets als einen intellektuellen, ambitionierten und dennoch rechtschaffenen Menschen wahrnahm, dann war er es. Niemals hat er versucht, sich auf Kosten anderer zu profilieren. Was er geleistet hat - und er, der sozial engagierter Kenner der Kunstwelten, hat Wichtigeres geleistet als mancher Wichtigtuer im Grazer Kunstdorf -, präsentiert sich nun im Überblick: ein vieljähriger Erfolg ohne Ranküne. Ich ziehe meinen Hut (auch wenn ich keinen habe) und überbringe herzliche Glückwünsche.


Peter Strasser, Univ.-Prof. Dr.
Geb. 1950, lehrt an der Karl-Franzens-Universität in Graz Philosophie und Rechtsphilosophie. Strasser war von 1990 bis 1995 Beirat im Avantgardefestival "Steirischer Herbst", zuständig für die thematische Konzeption des Festivals. Mitherausgeber der im Styria-Verlag erscheinenden "Bibliothek der Unruhe und des Bewahrens", die sich besonders kulturwissenschaftlichen, religionsphilosophischen und ethischen Themen widmet. Seit 2003 regelmäßiger Mitarbeiter der Tageszeitung "Die Presse", wo er im Feuilleton wöchentlich eine Kolumne mit dem Titel "Die vorletzen Dinge" betreut.